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Ein Plädoyer für mehr Bescheidenheit - oder warum wir uns viel zu wichtig nehmen.

„Ich sehne mich danach, eine große und noble Aufgabe zu erfüllen, doch ist es meine größte Pflicht, kleine Aufgaben so zu erfüllen, als ob sie groß und nobel wären.“
(Helen Keller, amerikanische Schriftstellerin)

Ist Narzissmus im Trend?

Wo sind sie hin? Die guten alten Tugenden der Bescheidenheit und Zurückhaltung? Kann es sein, dass stattdessen Narzissmus voll im Trend ist? Ich habe den Eindruck, dass es zu einer gesellschaftlichen Bewegung geworden, sich selbst unglaublich wichtig zu nehmen. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass heute fast jeder auf der Suche nach seiner "wahren Berufung" ist – nach seinem "wahren Selbst".

 

Leider bleibt dabei oft der Blick für die Bedürfnisse der anderen auf der Strecke – und auch das Verständnis, dass man selbst NICHT der Nabel der Welt ist.

 

Eine Frage drängt sich mir dabei besonders auf: Ist diese neue Ich-Bezogenheit wirklich der Weg in ein zufriedenes, erfülltes Leben - oder bewirkt sie vielleicht sogar das Gegenteil? Schließlich bedeutet Selbstverwirklichung auch, dass ich mein tatsächliches, momentanes Leben irgendwie als mangelhaft empfinde und deshalb auf der Suche nach etwas "Besserem" bin.

Einfache Glücksformeln à la "Ich bin am Wichtigsten"

 "Sorge für dich zuerst"

 

"Warum du unbedingt egoistischer werden solltest"

 

"In 12 Lektionen zu deinem wahren Selbst"

 

Solche Pseudo-Glücksformeln fordern uns dazu auf, uns ständig mit uns selbst zu beschäftigen und das eigene Wohl stets an die erste Stelle zu setzen. Aber mal ehrlich - gibt nicht schon genug Egoismus in unserer Gesellschaft? Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der sich jeder selbst am Wichtigsten nimmt? Und den Fokus ausschließlich auf seine eigenen Wünsche richtet?

 

Ich glaube, dass wir stattdessen mehr Empathie und Gespür für die Bedürfnisse der anderen brauchen - seien es Menschen, Tiere oder auch die Natur. Wir müssen wieder lernen, uns selbst zurückzunehmen und dafür Werte wie Bescheidenheit und Zurückhaltung in unserer Gesellschaft kultivieren. Das ist praktizierte Achtsamkeit.

 

Leider gibt es einen regelrechten Selbstverwirklichungs-Markt, auf dem sich unzählige (oft selbsternannte) "Experten" tummeln, die uns das ultimative Glück versprechen und zu einem "gesunden" Egoismus auffordern. Dazu werden täglich neue Selbstfindungsbücher veröffentlicht, Facebookgruppen eröffnet, Seminare und Workshops angeboten usw. Aus geschäftlicher Sicht ist das gut nachzuvollziehen, denn es lässt sich ausgezeichnet damit verdienen.

 

Die Botschaft der Selbstverwirklichungs-Gurus ist dabei so simpel wie gefährlich: Erst solle man das eigene Glück und seine wahre Berufung suchen  - dann erst könne man anderen etwas zurückgeben. Und nur dann. Aber ist das wirklich so?

 

Wenn ja, müsste unsere Gesellschaft inzwischen ein Ort der Glückseligkeit und Empathie sein. Schließlich haben sich die Menschen noch nie so viel mit den eigenen Bedürfnissen, dem eigenen Glück beschäftigt. Tatsächlich hat dieser Fokus aufs eigene Wohl aber ganz gegenteilige Auswirkungen. Wo früher noch Gemeinschaftssinn und Hilfsbereitschaft üblich war, herrscht heute oft kollektiver Egotrip. Und das macht unser aller Leben nicht unbedingt angenehmer.

Früher zählte die Gemeinschaft mehr.

Die älteren Leute in unserem Dorf erzählen noch von Zeiten, als die Nachbarn zum Helfen kamen, wenn jemand in Not war. Ist zum Beispiel eine Scheune abgebrannt, hat man sie gemeinsam wieder aufgebaut. Heute ist so etwas nahezu undenkbar - kaum jemand außerhalb der Verwandtschaft würde sich so intensiv für andere engagieren.

 

Warum ist das so? Die Menschen damals hatten definitiv nicht mehr Zeit und Geld. Das Leben war um einiges härter als heute. Glücksratgeber gab es nicht. Dinge wurden noch wertgeschätzt und in Stand gehalten. Man hatte schließlich nicht so viel. Bescheidenheit wurde als Tugend gesehen. Und man ist auch nicht 2 x im Jahr in den Urlaub geflogen oder hat Seminare über Selbstfindung besucht. Aber man konnte sich aufeinander verlassen. Genau das hat den Menschen Zufriedenheit und auch Geborgenheit geschenkt.

 

Für andere da zu sein, ist sogar der Gesundheit förderlich – wie auch eine wissenschaftliche Studie der University of British Columbia bestätigt.

Weniger wollen - mehr geben und leben

Fast jeder hat heute "Stress" mit der eigenen Lebensplanung. Dabei geht nicht ums echte Überleben wie in früheren Zeiten, doch fühlen sich viele Menschen unter Druck gesetzt von den vielfältigen Möglichkeiten und Anforderungen. Schließlich muss man sein Glück finden, sich selbst verwirklichen und dabei natürlich Geld verdienen, den Trip nach Übersee planen, selbstbewusster werden, einen Achtsamkeitskurs besuchen... man will ja nichts verpassen und das Leben voll auskosten. Mir kommt es allerdings nicht so vor, als ob das zufrieden macht - ganz im Gegenteil.

 

Wie wäre es stattdessen, weniger zu wollen und mehr zu geben? Im JETZT zufrieden zu sein - und sich selbst und seinen Weg zu akzeptieren. Denn wahre Berufung kann man auch darin finden, ein einfaches Leben zu führen. Ohne viel Aufhebens, Bekanntheit oder gar Ruhm. Einfach, indem man versucht, ein guter Mensch zu sein. Das heißt nicht, dass man sich nicht verändern kann. Aber natürlicher - ohne diesen Zwang, ständig das eigene Leben anzuschauen und zu "verbessern"


4 gute Gründe, sich selbst weniger wichtig zu nehmen

Sich selbst etwas weniger wichtig nehmen - das wäre eine Lösung für viele Probleme in unserer Gesellschaft. Und das Tolle daran: In Wahrheit macht Geben viel glücklicher als Nehmen. Der Egotrip führt meistens nur in den Frust.

 

  • Anderen zu helfen, macht glücklich. Menschen, die sich um andere kümmern, sind erwiesenermaßen gesünder und zufriedener als Egoisten.

  • Das Leben ist leichter, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt. Schließlich kostet es eine Menge Energie, das ultimative Glück zu finden und all seine Bedürfnisse zu stillen. Eine Portion Humor und Bescheidenheit helfen, auch mal über sich selbst zu lachen und sich nicht allzu wichtig zu nehmen.

  • Wenn wir für andere da sind und respektvoll mit Menschen, Tieren und der Natur umgehen, machen wir den Planeten zu einem lebenswerten Ort - auch für zukünftige Generationen. Klimawandel, Artensterben, Plastikflut, Ressourcenverschwendung, Massentierhaltung - alles Probleme, die in unserer unendlichen Gier nach Mehr begründet sind. Irgendwie sind wir uns ja alle einig, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen, aber die Wenigsten fangen bei sich an. Natürlich sollten wir weniger fliegen, aber verzichten wollen wir trotzdem nicht darauf.

  • Loslassen und annehmen ist viel befreiender als die Suche nach dem Glück. Wenn ich nicht ständig nach etwas Besonderem suche, habe ich mehr Zeit im JETZT glücklich zu sein. Ich kann mich dem widmen, was IST und daraus entstehen dann wiederum neue Dinge. Das ist praktizierte Achtsamkeit.

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Kommentare: 6
  • #1

    Nicole Ardin (Mittwoch, 02 Oktober 2019 08:12)

    Hallo Alexandra,

    Mit viel Freude habe ich deinen Artikel gelesen und stimme dir in vielem zu. Ich finde am Ende macht es, wie so oft, die Balance. Die Balance zwischen Geben und Nehmen, zwischen Fürsorge für andere und sich selbst, aber auch zwischen Empathie und Abgrenzung, denn völlige Aufopferung ist genauso ungesund wie komplette Abgrenzung.

    Oder anders gesagt, wenn wir irgendwo ins Extreme fallen, ist es wohl am Ende für keinen wirklich gesund. Ob die Menschen früher zufriedener waren als heute, das ist wohl die grosse Frage. Ich denke es nicht, es war halt einfach anders, auch damals gab es positive wie negative Seiten. Aber ja es stimmt, es geht uns heute materiell oft viel besser und wir haben mehr Freiheiten, das Glücksgefühl ist allerdings nicht gleichermassen gestiegen, also ist die heuteige Lebensweise vieler bestimmt auch nicht das Gelbe vom Ei.

    Wie du sehr schön schreibst sollten wir uns bei weitem nicht immer so wichtig nehmen, mehr im hier und jetzt leben, vor allem aber dankbar sein für das, was wir haben, anstatt unseren Fokus auf das zu richten, was wir scheinbar noch unbedingt brauchen. Wenn wir genügsam sind, dann sind wir auch bereit mehr zu geben. Doch ich glaube das was wir gerade durchleben ist eine Phase, wie es viele davon gibt und ich hoffe, dass wir irgendwann den Ausgleich zwischen gesunder Selbstfürsorge und der Fürsorge für andere um uns herum finden.

    Hab einen schönen Tag.

    Herzliche Grüsse
    Nicky

  • #2

    Christine (Mittwoch, 02 Oktober 2019 09:54)

    Liebe Alexandra,
    ein sehr schöner Beitrag, dem ich in vielen Punkten zustimme.
    Ich meine, dass wir im Geben oftmals uns selbst sehr gut finden können. Unsere Talente erkennen, Freude und Glück empfinden.
    Was ich jedoch auch glaube, ist, dass viele Menschen nicht ernsthaft nehmen/empfangen können. Also sich wirklich im Herzen auf etwas einlassen. Und dann entsteht Egoismus statt Selbstbewusstsein. Oder Selbstoptimierung statt Selbstverwirklichung.
    Ein Balanceakt!
    Danke für deine Anregung,
    Christine

  • #3

    Alexandra (Mittwoch, 02 Oktober 2019 18:53)

    Liebe Nicky,

    vielen Dank für deinen wundervollen Kommentar. Ich stimme dir aus vollem Herzen zu. Wichtig ist eine Balance zwischen beiden Polen - Selbstfürsorge und der Fürsorge für andere. Mich hat das Thema schon eine Weile beschäftigt, da ich immer mehr den Eindruck bekomme, dass genau diese Balance immer mehr verloren geht - und stattdessen ein Kult um die Selbstoptimierung entsteht. Und dass viele sich nur noch um sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse drehen. Aber ich habe auch Hoffnung, dass dies eine vorübergehende Phase ist und wir den Fokus wieder mehr auf Empathie, Dankbarkeit und eine achtsames Leben im Jetzt richten.

    Liebe Grüße,
    Alexandra, Hof Eulengrund

  • #4

    Alexandra (Mittwoch, 02 Oktober 2019 18:58)

    Liebe Christine,

    vielen Dank für deine weisen Worte. Das mit dem Nehmen/Empfangen habe ich bisher noch gar nicht so betrachtet. Aber ich glaube, dass das ein wichtiger Punkt ist, warum viele in diese Ich-Bezogenheit abgleiten. Vielen Dank für diese wertvolle Anregung.

    Liebe Grüße,
    Alexandra, Hof Eulengrund

  • #5

    Christine (Mittwoch, 02 Oktober 2019 20:03)

    Liebe Alexandra,

    meine Sicht ist auch noch sehr jung mit dem Nehmen/Einlassen. Dies erklärt aber für mich, warum viele einem Kult nachlaufen, diesen aber nicht aus vollem Herzen (Selbstverwirklichung), sondern eben im Trend (Selbstoptimierung) gehen. In vielen Dingen wie Plastikfreiheit finde ich das gut, aber ich glaube nicht, dass für alle Persönlichkeitsentwicklung, Achtsamkeit, Meditation und Yoga der Schlüssel zu ihrem Inneren ist (für mich schon (außer Yoga)), aber da es gerade kaum einen anderen Weg gibt, der vorgelebt wird, laufen ihn so viele nach, sind aber mit ihren dadurch entstehenden Terminen auch nicht glücklicher. Und der Terminstress erzeugt Ich-Bezogenheit, denn wo soll denn da noch Zeit für Freunde/Familie sein?
    Oder wie steht es so schön auf meinem Kalender: ein gefüllter Terminkalender ist noch kein erfülltes Leben (Kurt Tucholsky).

    Schönen Abend,
    Christine

  • #6

    Alexandra (Donnerstag, 03 Oktober 2019 20:27)

    Liebe Christine,

    da stimme ich dir zu. Ich denke auch, dass viele Menschen einfach diesem Trend der Selbstoptimierung nachlaufen - ohne wirklich in sich hineinzuhören, ob das überhaupt der richtige Weg für sie ist. Sich ständig verbessern zu wollen, ist einfach etwas, dass man heute eben tun "muss". Aber jeder ist anders - und vielleicht würden viele auch gar keinen Mangel empfinden, wenn es heute nicht fast ein Zwang wäre "das Beste aus dem Leben herauszuholen" . Aber das Beste bedeutet eben nicht für jeden dasselbe. Das Beste kann auch ein bescheidenes, stilles Leben sein.

    Ich danke dir für deine Gedanken.

    Liebe Grüße,
    Alexandra, Hof Eulengrund