· 

Das einfache und freie Leben: Inspiration aus "Knulp" von H. Hesse

Warum überhaupt einfach leben?

Was gewinnen wir eigentlich, wenn wir unsere Bedürfnisse auf ein Minimum reduzieren und weniger konsumieren? Auf jeden Fall ein ganzes Stück Freiheit - und das nicht nur finanziell. Denn oft besitzen ja gar nicht WIR die Dinge, sondern die Dinge besitzen UNS. Schließlich übernehmen wir die Verantwortung, uns zu kümmern - zum Beispiel um die Instandhaltung des Hauses und des Autos, die Abzahlung des Kredits etc. Und je mehr wir haben, desto mehr Zeit (und Geld) müssen wir aufwenden, um alles am Laufen zu halten.

 

Wo allerdings ein einfaches Leben und Minimalismus beginnt, ist sicherlich von Mensch zu Mensch verschieden. Wenn wir aber ganz ehrlich sind - wir brauchen gar nicht viel, um glücklich zu sein. Obwohl uns die Werbung natürlich etwas anderes einzureden versucht. Mir wird das immer ganz besonders beim Wandern bewusst. Wenn ich in der Natur unterwegs bin und außer einem Rucksack mit etwas Proviant nicht viel dabei habe. Dann fühle ich mich frei und glücklich. Da geht es mir ganz ähnlich wie dem Vagabunden Knulp, der aus der Feder Hermann Hesses stammt.

 

Was Knulp über ein einfaches Leben zu sagen hat, ist sehr inspirierend. Die Geschichte ist eine "Liebeserklärung" an alle Aussteiger und Minimalisten, die der Konsumgesellschaft (so gut es eben geht) den Rücken gekehrt haben und im Einklang mit der Natur leben. Frei von Besitzstreben und Terminstress.

Einfach leben, Minimalismus, Wandern, Knulp
Wandern ist Minimalismus pur. Bild: Alexandra Lill

Textausschnitt "Knulp": Über die Landstreicher

"Keinem Menschen gehorsam, abhängig nur von Wetter und Jahreszeit, kein Ziel vor sich, kein Dach über sich, nichts besitzend und allen Zufällen offen, führen die Heimatlosen ihr kindliches und tapferes, ihr ärmliches und starkes Leben. Sie sind die Söhne Adams, des aus dem Paradies Vertriebenen, und sind die Brüder der unschuldigen Tiere. Aus der Hand des Himmels nehmen sie Stunde um Stunde, was ihnen gegeben wird: Sonne, Regen, Nebel, Schnee, Wärme und Kälte, Wohlsein und Not.

 

Es gibt für sie keine Zeit, keine Geschichte, kein Streben, und nicht jenen seltsamen Götzen der Entwicklung und des "Fortschritts", an den die Hausbesitzer so verzweifelt glauben. Ein Vagabund kann roh und zart sein, kunstfertig oder tölpisch, tapfer oder scheu, immer aber ist er im Herzen ein Kind, immer lebt er am ersten Welt-Tage, vor Anfang aller Geschichte, immer wird sein Leben von wenigen einfachen Trieben geleitet.

 

Er kann tief in sich wissen, wie gebrechlich und vergänglich alles Leben ist, und wie arm und angstvoll alles Lebendige sein bisschen warmes Blut durch das Eis der Welträume trägt, oder er kann bloß kindisch und gierig den Befehlen seines armen Magens folgen, - immer ist er der Gegensatz und Todfeind des Besitzenden und Sesshaften, der ihn hasst, verachtet und fürchtet, denn er will nicht an all das erinnert werden: nicht an die Flüchtigkeit alles Seins, an das beständige Hinwelken alles Lebens, an den unerbittlichen eisigen Tod, der rund um uns das Weltall erfüllt."

 

(Hermann Hesse, aus "Knulp", erstmals erschienen 1915)

Habt ihr Knulp von Hermann Hesse gelesen? Ich kann es nur empfehlen - es ist eine Geschichte voller Humor und tiefer Weisheit. Schreibt mir gerne eure Gedanken dazu in die Kommentare.

Ähnliche Artikel

Newsletter abonnieren

Du willst keinen Artikel mehr verpassen? Dann melde dich gerne für meinen Newsletter an.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0